Die romanischen Sprachen

(Version 1.2 vom 17. Oktober 2001)
 

© Prof. Dr. Jens Lüdtke (Universität Heidelberg), Präsident des RDV
 

Mit dem Folgenden möchte ich zur Klärung der Frage beitragen, was eine romanische Sprache ist und wieviele romanische Sprachen es gibt. Ich werde nicht einfach eine kommentierte Liste geben, sondern die Kriterien einführen, die ich bei der Aufstellung meiner Liste anwende. Mit diesen Kriterien begründe ich meine Listen ( 1 ), ( 2 ) und ( 3 ). Über die in diesen Listen genannten Sprachen können Sie sich hier informieren.

Jede Sprache ist geschichtlich gegeben, man kann sie folglich nicht im eigentlichen Sinne definieren, sondern man kann nur darstellen, wie sie geworden ist. Die romanischen Sprachen sind «römische» Sprachen. Damit stellt sich ein terminologisches Problem, das international noch nicht zu einem völlig einheitlichen Terminus geführt hat. In der Linguistik der französischen Aufklärung war «langue romane» einer der Ausdrücke für das Okzitanische, das teils allein so genannt wurde, teils das Altokzitanische und das Altfranzösische umfaßte. Dabei wurde das okzitanische Wort für «römisch» im Französischen als «roman» beibehalten und ein Unterschied zu frz. «romain» («römisch») eingeführt. Friedrich Schlegel setzte die Benennung «langue romane» in den Plural und verwendete als erster «romanische Sprachen» mit der heutigen Bedeutung (1808). Friedrich Diez verbreitete diesen Fachausdruck in seiner «Grammatik der romanischen Sprachen» (1836-1843). Durch die Übersetzung mit dem Titel «Grammaire des langues romanes» wurde der Terminus im Französischen eingebürgert und gelangte auch in andere romanische Sprachen. Während aber das Portugiesische «línguas românicas» kennt und das Rumänische «limbi romanice», variiert das Italienische zwischen «lingue romanze» und «lingue neolatine», das Spanische zwischen «lenguas romances» und «lenguas románicas».

Die romanischen Sprachen leiten sich also von der Sprache Roms, vom Latein her. Allerdings liegt den romanischen Sprachen in ihrer kontinuierlichen Entwicklung nicht das klassische Latein zugrunde, das nichts anderes als das Latein der Literatur ist, sondern das gesprochene Latein, das sich im Römischen Reich ausgebreitet hat. Jede Sprache, die sich aus dem Latein, der Sprache Roms, entwickelt hat, ist Romanisch. Aber nicht jedes Romanisch ist eine romanische Sprache.

 

Wieviele romanische Sprachen gibt es?

 

Damit stellt sich das Problem, wieviele romanische Sprachen es denn gibt. Darauf sind unterschiedliche Antworten gegeben worden. Unterschiedlich nicht etwa, weil die Sprachwissenschaftler nicht wüßten, was eine romanische Sprache ist, sondern weil die Sprecher letztlich darüber entscheiden, was eine «Sprache» ist, also auch darüber, was eine romanische Sprache ist. Eine romanische Sprache ist eine Sprache, die die Sprecher als solche anerkennen. Sie erkennen sie an, indem sie ihr einen Namen geben: «langue française», «lengua española» oder «castellana», «lingua italiana», «língua portuguesa», «limba româna» usw. Unter den romanischen Sprachen erkennen die Sprecher in dieser Weise ganz fraglos Sprachen an, die zugleich Standardsprachen und Sprachen von Nationalstaaten sind: Das sind:

 

( 1)

Französisch

Italienisch

Portugiesisch

Rumänisch

Spanisch

 

Ich ziehe es vor, von Sprachen von Nationalstaaten und nicht von «Nationalsprachen» zu sprechen, wie man sie oft in Analogie zu «Nationalliteraturen» nennt. In der Tat ist die Sprache mehrerer Nationalliteraturen oft identisch. So unterscheiden sich die spanische und die mexikanische sowie die anderen hispanoamerikanischen Literaturen nicht durch die Sprache. Solchen Standardsprachen von Nationalstaaten werden ferner Sprachen zugeordnet, die außerhalb eines Nationalstaats gesprochen werden, wenn sie keine eigene Standardsprache herausgebildet haben. Daher zählt man zum Rumänischen nicht nur das in Rumänien gesprochene Dakorumänisch, sondern auch das Istrorumänische auf der Halbinsel Istrien, das Meglenorumänische, das in Griechenland nordwestlich von Saloniki und in einem zum ehemals jugoslawischen Mazedonien gehörenden angrenzenden Gebiet gesprochen wird, und das im nördlichen Griechenland, in Albanien, dem ehemals jugoslawischen Mazedonien und dem südwestlichen Bulgarien verbreitete Aromunisch. Daß Standardsprachen als Nationalsprachen von Nationalstaaten entstanden sind, schließt nicht aus, daß es Nationalstaaten gibt, in denen eine primär identitätsstiftende Nationalsprache eines anderen Nationalstaats ebenfalls verwendet wird. Die hispanoamerikanischen Staaten sind ein vorzügliches Beispiel dafür. Sie brauchen für ihre Identität mehr als nur die spanische Sprache. Sie müssen sich auch vom Mutterland abgrenzen, in dem die Sprache in der Außendarstellung ganz selbstverständlich zur Identität gehört, und benennen dieselbe Sprache dann bisweilen anders: «castellano» zum Beispiel in Peru oder «lengua nacional» in mehreren Staaten, zum Teil in verschiedenen Zeiten ihrer nationalen Geschichte. Ihre Identität als Nationalstaaten müssen diese Staaten daher auch noch auf anderem Wege finden. Sie scheuen nicht davor zurück, dafür sprachliche Unterschiede zu instrumentalisieren, zum Beispiel die heute verhältnismäßig unbedeutenden Entlehnungen aus Indianersprachen («indigenismos»).

 

Problemfälle

 

Es entstehen aber auch Standardsprachen innerhalb von Nationalstaaten mit anderen Sprachen, die deshalb dann selbst keine Eigenstaatlichkeit haben. Die erfolgreichste unter diesen Standardsprachen ist das Katalanische, das im Osten Spaniens, nordöstlich der Pyrenäen in Frankreich und in der Stadt L'Alguer (it. Alghero) auf Sardinien gesprochen wird.

Das Bündnerromanische im schweizerischen Graubünden, ein anderes Beispiel, hat fünf Schriftsprachen; daneben hat es noch eine allen Gebieten gemeinsame kodifizierte Standardsprache herausgebildet. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht werden von manchen Forschern das Ladinische in Südtirol und das Friaulische nördlich von Venedig zum «Rätoromanischen» gezählt, ohne daß jedoch die Sprecher aller dieser Gebiete das Bewußtsein einer sprachlichen Gemeinsamkeit hätten. Hier treten der Gesichtspunkt der Sprecher und der Gesichtspunkt vieler Sprachwissenschaftler miteinander in Konflikt. Diejenigen Sprachwissenschaftler, die eine «Rätoromania» von Graubünden bis zum Friaul annehmen, stützen sich dabei auf die Annahme einer rätischen Latinität. Das Siedlungsgebiet der Räter war nicht mit der «Rätoromania» identisch. So waren sie zur Zeit des Römischen Reichs nur in einem Teil Graubündens ansässig.

Beim Okzitanischen, das im Süden Frankreichs gesprochen wird, finden wir einen etwas anders gelagerten Konflikt zwischen der Sicht der Sprecher und derjenigen der Sprachwissenschaftler. Das Okzitanische, früher auch Provenzalisch genannt, kennt neben einer Vielzahl von Dialekten eine kodifizierte Standardsprache, die aber die meisten Sprecher nicht beherrschen. Mehr noch, die okzitanische Standardsprache wird eher von meist jüngeren Okzitanen gelernt, deren Muttersprache bereits das Französische ist. Wir finden daher die paradoxe Situation vor, daß die Sprecher okzitanischer Dialekte ihre Sprache dem Französischen als «patois» unterordnen, während umgekehrt die Sprecher des Französischen, die okzitanische Vorfahren haben, gelegentlich zu einer okzitanischen Standardsprache übergehen, die sie nicht als Muttersprache gelernt haben.

 

Einige neuere romanische Sprachen

 

Was eine romanische Sprache ist, steht also nicht ein für allemal fest, sondern ist das Ergebnis einer geschichtlichen Entwicklung. Das jüngste Beispiel einer Entstehung - oder Neuentstehung - einer romanischen Sprache ist das Galicische. Das Problem des Galicischen als Standardsprache werden wir in diesem Kapitel weiter unten besprechen. Sehr jung ist ebenfalls das Sardische als kodifizierte Standardsprache, es ist aber bislang nicht so erfolgreich wie das Galicische und andere Standardsprachen ohne Eigenstaatlichkeit. Fügen wir das Asturianische und das Aragonesische hinzu, für die in noch stärkerem Maße die Bemerkungen zum Ladinischen und Friaulischen gelten: Die Sprecher kennen oft nicht die Kodifizierungsbemühungen oder sehen keinen Sinn darin. Der Vollständigkeit halber nenne ich noch das «Frankoprovenzalische», eine Gruppe von Dialekten, die vom Raum um Lyon bis zur französischsprachigen Schweiz und zum Val d'Aosta gesprochen werden bzw. wurden. Das «Frankoprovenzalische» wird als Sprache eigentlich nur aufgrund der wissenschaftlichen Autorität von Graziadio Isaia Ascoli genannt, der in seinen «Schizzi franco-provenzali» (1874) eine von Lugdunum (Lyon) sich ausbreitende Gemeinsprache festgestellt hat, die es nicht geschafft hat, zu einer modernen Standardsprache zu werden, da sie vom Französischen überdacht worden ist.

 

Ein erweiterter Katalog der romanischen Sprachen

 

Die romanischen Standardsprachen haben sich zu sehr verschiedenen Zeiten herausgebildet, manche davon sind noch recht jung. Im Mittelalter existierten zahlreiche Schriftsprachen nebeneinander. Das gesprochene Latein - das Vulgärlatein - hatte sich zu verschiedenen lokalen Mundarten entwickelt, die mehr oder weniger regional begrenzte Gemeinsprachen herausbildeten. Ein Teil dieser romanischen Gemeinsprachen wurde als Schriftsprache verwendet. Diese frühen romanischen Gemeinsprachen mit und ohne Schriftsprache wurden meist durch die heutigen Sprachen von Nationalstaaten zurückgedrängt, wenn sie sich nicht zu Sprachen von Nationalstaaten entwickelten.

Ich deute an dieser Stelle noch einmal kurz an, was man im Alltagsverständnis unter einer romanischen Sprache versteht: Eine romanische Sprache ist eine kodifizierte Standardsprache, die eine Fortsetzung des Lateins ist. Dazu gehören folglich: Französisch, Galicisch, Italienisch, Katalanisch, Okzitanisch, Portugiesisch, Bündnerromanisch, Rumänisch, Sardisch und Spanisch. Wie wir gesehen haben, ist der Status dieser Sprachen nicht gleich und die anderen oben als Problemfälle genannten Sprachen finden bei ihren Sprechern eine sehr unterschiedliche Anerkennung. Dies ist der Grund, weshalb wir verschiedene Listen von romanischen Sprachen finden. Aber alles, was Romanisch ist, ob «Sprache» oder «Dialekt», ist Gegenstand der romanischen Sprachwissenschaft. Unter Anwendung der Kriterien «Standardsprache» und «Kodifizierung» erhält man die folgende Liste:

 

( 2)

Französisch

Italienisch

Portugiesisch

Rumänisch

Spanisch

Galicisch

Katalanisch

Okzitanisch

Bündnerromanisch

Sardisch

und andere Sprachen

 

Die «anderen Sprachen» werden uns gleich beschäftigen. Bevor ich sie nenne, gehe ich auf das Kriterium des Abstands ein und komme danach auf die Frage der Anerkennung einer Sprache durch die Sprecher zurück.

 

Das Kriterium des Abstands

 

Die in meiner Liste genannten Sprachen sind Standardsprachen oder sie befinden sich auf dem Wege zur Standardisierung und Kodifizierung. Manche Standardsprachen haben einen durchaus problematischen Status. Sprachplaner stützen sich gern auf sprachliche Merkmale, die für etwas ursprünglich Gegebenes gehalten werden. In Wirklichkeit sind die standardisierten romanischen Sprachen von ihren Sprechern schon von vornherein abgegrenzt worden. Die Standardisierung ist Ausdruck einer Identität, deren Grundlage wir in der Geschichte der jeweiligen Sprachgemeinschaft suchen müssen.

Andere Listen von romanischen Sprachen legen wenigstens zum Teil die eben erwähnten Strukturmerkmale zugrunde. Wollte man die romanischen Dialekte und Sprachen aufgrund ihrer innersprachlichen Merkmale abgrenzen, müßte man eine Typologie der Merkmale für alle romanischen Sprachen zugrunde legen. Diese Typologie müßte ohne Ausnahme angewandt werden. Die jeweilige romanische Sprache wäre sodann in ihrer Individualität durch Merkmale, die nur ihr eigen sind, oder eine spezifische Kombination von Merkmalen zu bestimmen. Die zwingende Konsequenz einer typologischen Methode für die Anerkennung einer romanischen Varietät als romanischer Sprache würde darin bestehen, daß durch Merkmale gut charakterisierte Sprachgebiete Räume eigener romanischer Sprachen darstellen müßten.

Die sprachliche Wirklichkeit ist aber eine andere. Eine romanische Sprache wird von ihren Sprechern nicht primär durch ihren Abstand zu anderen romanischen Sprachen abgegrenzt. «Abstand» bedeutet die Zahl der Merkmale, die eine Sprache von einer anderen unterscheidet. Wir stellen aber in der Geschichte der Einzelsprachen fest, daß der Abstand für die Anerkennung einer Varietät als romanischer Sprache nicht maßgeblich gewesen ist. Betrachtet man die Geschichte einzelner romanischer Sprachen, so waren es im wesentlichen außersprachliche Bedingungen, die eine ehemals kleinräumig verbreitete Sprache zu einer Standardsprache werden ließen. Was dazu beigetragen hat, daß eine Sprache eine romanische Standardsprache geworden ist, erfahren wir nur aus ihrer Geschichte. Der Abstand zu anderen Sprachen ist wohl wichtig für das Bewußtsein einer eigenen sprachlichen Identität. Eher aber als eine vorgängige Gegebenheit ist der Abstand oft etwas nachträglich Geschaffenes. Dies ist besonders offensichtlich, wenn eine Standardsprache unter dem Dach einer anderen etabliert werden soll. Das Katalanische oder das Galicische betonen in ihren Standardformen - das Katalanische mehr, das Galicische weniger - ihre Divergenz zum Spanischen. Das Sardische und das Friaulische müssen sich gegenüber dem Italienischen behaupten. Das Okzitanische betont seine Unterschiede zum Französischen.

Weil sich eine romanische Sprache nur durch ihre Geschichte als eigene Sprache bestimmen läßt und diese Geschichte in den verschrifteten Sprachen Europas, nicht nur der romanischen, zu Standardsprachen oder zu Sprachen geführt hat, die auf dem Wege der Standardisierung sind, betrachten wir nur die unterschiedlich gut entwickelten Standardsprachen. Die räumliche Reichweite der romanischen Sprachen ist recht unterschiedlich. Manche überlappen sich, was Konflikte oder wenigstens Probleme mit sich bringt. Die geschichtlichen Skizzen sollen zeigen, wie die romanischen Standardsprachen geworden sind und wie sie sich entweder andere Varietäten und Sprachen untergeordnet haben oder in Konflikt mit ihnen geraten sind.

 

Die Anerkennung einer Sprache als romanischer Standardsprache

 

Die eingenommene Perspektive bringt es mit sich, daß ich in jedem Fall von einer Standardisierung ausgehe. Dies scheint mir eine Notwendigkeit auch dann zu sein, wenn die Standardisierung nicht von der Mehrheit ihrer Sprecher getragen wird. Ebenso notwendig ist es aber, daß die Standardisierung nicht nur von denen vertreten wird, die sie vorschlagen. Sie muß von anderen Sprechern anerkannt und übernommen werden. Es ist möglich, daß mir eine romanische Sprache, die auf diese Weise unterschieden werden kann, entgeht. Sie gehört dazu, wenn sie in der angegebenen Weise existiert.

Eine andere Frage ist dagegen die Anerkennung einer Sprache als Standardsprache ohne jede Einschränkung. Wir stellen in ihrer Geltung viele Abstufungen fest. Eine Aufnahme unter die romanischen Sprachen in der hier gegebenen Darstellung beinhaltet nicht, daß alle Sprachen denselben Status haben noch daß sie überhaupt von allen ihren Sprechern ohne Anfechtung anerkannt worden sind. Die Anerkennung ist eine politische Frage. Wie immer in diesen Dingen mag man sich dafür oder dagegen aussprechen oder sein Urteil aufschieben. Ich halte es allerdings nicht für sinnvoll, gleich ein eigenes Urteil abzugeben. Es scheint mir unabdingbar zu sein, eine Sprache zunächst aus der Sicht derer zu präsentieren, die ihre Existenz als Standardsprache behaupten und durch ihren Sprachgebrauch anerkennen.

Gegenstand der romanischen Sprachwissenschaft sind in diesem Sinne auch die Kreolsprachen, deren lexikalische Basis eine romanische Sprache ist. Diese erhalten einen offiziellen Status, wenn die Staaten, in denen sie gesprochen werden, unabhängig geworden sind, so das französische Kreol in Haiti, das Papiamento auf den ABC-Inseln (Munteanu 1996) und das kapverdische Kreol auf den Kapverdischen Inseln, die 1975 die Unabhängigkeit von Portugal erlangt haben.

Das alles führt dazu, daß hier mehr romanische Sprachen als sonst angenommen werden. In vielen Fällen sind sie gut etabliert. Dies ist der Fall, wenn sie Sprachen von Nationalstaaten sind. Manche davon richten sich auf eine «Verteidigung» ein, der eigentlich ein Kampf ist, wie ihn die Franzosen gegen das Englische führen, was die Sprecher des Englischen eher ignorieren. In anderen Sprachgemeinschaften umwerben diejenigen, die sich für die sprachliche, die kulturelle Identität und manchmal für das Überleben einer Gemeinschaft einsetzen, ihre Sprecher, damit sie ihre sprachlichen Traditionen, sei es auch als Minderheit, fortsetzen. Ich verfolge die Geschichte dieser Sprachgemeinschaften mit Sympathie; die Entscheidungen treffen aber immer nur diejenigen, die diese Sprachen sprechen und schreiben. Über die Existenz dieser Sprachen wird mit dem Mund und mit der Hand abgestimmt.

Nach dem Kriterium der eingeschränkten Anerkennung einer kodifizierten Standardsprache durch ihre Sprecher kann ich die Liste (2) ergänzen:

 

( 3)

in Italien: Friaulisch und Ladinisch

in Frankreich: Korsisch

in Spanien: Asturianisch und Aragonesisch

in Afrika, Amerika und Asien: Kreolsprachen

 

Da die Einschränkung der Anerkennung je nach Sprechergruppe sehr verschieden sein kann, wird man einen gewissen Spielraum bei der Aufstellung einer Liste von romanischen Sprachen einräumen müssen.

 

Meyer-Lübkes Katalog der romanischen Sprachen

 

Da die hier vertretene Liste eine andere ist als diejenige, die in den meisten Einführungen gegeben wird, möchte ich meine Ablehnung kurz begründen. Die Listen folgen einer romanistischen Tradition, die sich aus der diachronischen romanischen Sprachwissenschaft herleitet. Daher wähle ich beispielhaft ihren zu Anfang des 20. Jahrhunderts einflußreichsten Vertreter, Wilhelm Meyer-Lübke. Er nennt neun romanische Sprachen (1920: 17):

 

(4)

Rumänisch

Dalmatinisch

Rätoromanisch

Italienisch

Sardisch

Provenzalisch

Französisch

Spanisch

Portugiesisch

 

Diesen Sprachen ordnet er die romanischen Mundarten zu, unter anderem das Katalanische dem Provenzalischen (Meyer-Lübke 1920: 23-24). Die Kriterien für die Anerkennung als romanische Sprachen kann man dem Text der «Einführung in das Studium der romanischen Sprachwisenschaft» entnehmen. Die wichtigsten sind das politische Kriterium, der Ausbau zur Schriftsprache und der sprachliche Abstand. Dabei ist es nicht nötig, daß diese Kriterien in derselben geschichtlichen Epoche erfüllt sein müssen. So weiß Meyer-Lübke, daß er «dem Provenzalischen mit Rücksicht auf die Wichtigkeit seines Schrifttums und auf die verhältnismäßig größeren Unterschiede vom Nordfranzösischen eine besondere Stellung einräumt» (Meyer-Lübke 1920: 16), also neben dem Kriterium des Abstands das des Ausbaus anwendet. Die Zeit des größten Ausbaus des Okzitanischen und die Zeit des größten Ausbaus des Französischen fallen aber nicht zusammen. Ferner weiß Meyer-Lübke, daß nicht alle seine romanischen Sprachen den Sprachen entsprechen, die die Sprecher annehmen, denn zum «Rätoromanischen» führt er aus:

 

«Die Zusammenfassung der Mundarten dieses Gebiets ist eine lediglich linguistische, da sie zwar zu keinen Zeiten eine politische oder literarische Einheit gebildet haben, sich aber für den Sprachforscher und zumeist auch im Volksbewußtsein ganz entschieden abheben von den angrenzenden italienischen Dialekten» (Meyer-Lübke 1920: 17).

 

Es ist wichtig festzustellen, daß das Bewußtsein der Sprecher sich auf den Abstand zu den italienischen Dialekten bezieht, nicht aber auf den Abstand zu den verschiedenen «rätoromanischen» Mundarten, mit denen sie ja nicht in Kontakt stehen oder standen.

In Wirklichkeit wendet Meyer-Lübke ein weiteres Kriterium an, das implizit bleibt, weil es sich für ihn aus der «Aufgabe der romanischen Sprachwissenschaft» (Meyer-Lübke 1920: 62) ganz selbstverständlich ergibt. Sie «besteht darin, die Veränderungen des romanischen Sprachstoffes von seinen ersten Anfängen» zu verfolgen. Die Blickrichtung, aus der die Veränderungen beobachtet werden, kann vom Lateinischen zum Romanischen oder vom Romanischen zum Lateinischen gehen (Meyer-Lübke 1920: 62). Die wichtigste spezielle Aufgabe aber ist die Rekonstruktion der Sprache zwischen 500 und 1000 n. Chr. (Meyer-Lübke 1920: 64). Für diese Aufgabe ist es in der Tat unerheblich, ob man seine Rekonstruktion auf ein altes Sprachzeugnis, eine romanische Mundart oder eine ausgestorbene Sprache (das «Dalmatinische») stützt. Daher verbinden sich die expliziten Kriterien der Klassifikation mit dem impliziten Kriterium des eigentlichen Zwecks der Klassifikation, der in der Aufstellung der Sprachen besteht, die in die Rekonstruktion eingehen sollen. Denn es ist klar, daß die Kriterien der politischen Abgrenzung, des Ausbaus und des Abstands von Meyer-Lübke keiner sprachwissenschaftlichen Aufgabe zugrunde gelegt werden. Sie sind gleichsam leer und führen zu keiner sprachwissenschaftlichen Konsequenz und daher auch zu keiner Inkonsequenz. Deshalb fällt die Inkonsequenz der Klassifikation kaum auf. Meyer-Lübkes Liste der romanischen Sprachen wird tradiert und kanonisiert. Mit Kriterien allein kommt man dieser Kanonisierung nicht bei. Man muß sie entmystifizieren. Gelegentlich wird die Liste erweitert: Das «Frankoprovenzalische» wird aufgrund der Autorität von Graziadio Isaia Ascoli oft hinzugefügt. Das Katalanische blieb wegen seines für gering gehaltenen Abstands zum Okzitanischen oft unberücksichtigt. Heute wird das Katalanische regelmäßig aufgeführt, da es offizielle Anerkennung errungen hat.

 

Diskussion eines Einzelfalls: Das Galicische als Standardsprache

 

Der allgemeine sprachgeschichtliche Hintergrund findet sich im Beitrag «Das Galicische». Ich diskutiere das Galicische hier, weil es nicht regelmäßig in Listen von romanischen Sprachen aufgenommen wird und weil der geringe Abstand des Galicischen zum Portugiesischen und zum Spanischen ein Problem für seine Etablierung als Standardsprache ist.

Das Galicische hat als eigenständige Sprache gegenüber dem Portugiesischen, das von ihm abstammt, und gegenüber dem Spanischen oder Kastilischen in jüngster Zeit wieder Anerkennung gefunden, nachdem auch die Verwendung der anderen Regionalsprachen Spaniens - des Katalanischen und des Baskischen - zu einem durch die spanische Verfassung von 1978 verbürgten Recht geworden ist.

Die deutsche Romanistik hat (zur älteren Tradition Jenny Brumme 1988) noch nicht zu einem sprachwissenschaftlichen Konsens in der Frage der in Galicien grundständig gesprochenen Sprache gefunden, was sich ebenfalls in Unklarheiten hinsichtlich der wissenschaftsorganisatorischen Zuordnung des Galicischen ausdrückt: Sind die Lusitanisten für das Galicische zuständig oder sind sie es nicht?

Was die Einzelheiten angeht, stütze ich mich im Wesentlichen auf Bekanntes. Es geht mir um eine Darstellung seiner Individualität als Standardsprache und seine Herausbildung im Vergleich zu anderen Standardsprachen. Der Ausbau von Standardsprachen in Spanien ist der unmittelbare Kontext. Das Galicische scheint nicht nur unter den Sprachen Spaniens und sogar unter den romanischen Sprachen ein Sonderfall zu sein, sondern überhaupt, denn einerseits setzt sich das Galicische des Mittelalters in Gestalt des Portugiesischen als Weltsprache fort, andererseits hat es in seinem Ursprungsgebiet den Status einer zum zweiten Male ausgebauten und standardisierten Sprache, den es sich nach jahrhundertelanger Dialektalisierung seit dem 19. Jahrhundert mühsam errungen hat. Beim Ausbau ihrer Sprache zur Standardsprache können die Galicier sich nicht auf den Abstand ihrer Sprache zum Portugiesischen und zum Spanischen berufen, da er sehr gering ist. Es gibt Dialekte in anderen Sprachen, die einen wesentlich größeren Abstand zu ihrer Standardsprache haben als das Galicische zum Portugiesischen und Spanischen. Dieses Argument zeigt, daß der Abstand allein wenig tauglich ist, eine historische Sprache zu konstituieren. Es verhält sich mit der Relevanz des Abstands eher umkehrt: Weil der sprachliche Abstand besonders gerne als Argument für die Existenz einer historischen Sprache angeführt wird, schafft man ihn in der Sprachplanung intentional, indem man die sprachlichen Unterschiede einführt, die man eigentlich schon vorfinden möchte.

Immer wenn der Status und die Norm einer Sprache sich in einer öffentlichen Auseinandersetzung konstituieren, darf man von einer sprachlichen Streitfrage sprechen, wie sie modellhaft als «questione della lingua» in Italien zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert ausgetragen wurde. Die Diskussion um das Italienische war nicht nur ein geschichtlicher Einzelfall, sondern sie hat das Verständnis für derartige Fragestellungen überhaupt vorbereitet. In diesem Sinne ist es richtig und angemessen, von einer galicischen «questione della lingua»zu sprechen (vgl. Fernández Rei 1991 und 1996: 38-39, jedoch mit einer anderen Interpretation), denn in der Tat war der Status des Galicischen als Sprache oder als Dialekt im 19. und zum Teil im 20. Jahrhundert eine Streitfrage und die Selektion der Standardsprache ist, obwohl die politischen Normierungsentscheidungen getroffen sind, bis heute eine Streitfrage geblieben. Da der Streit gleichwohl fortgesetzt wird, ist nach den Gründen dafür zu fragen. Ich nehme dabei die jetzige Normierung nicht als vorläufigen Endpunkt einer geschichtlichen Entwicklung, sondern vielmehr als perspektivischen Ausgangspunkt für eine geschichtliche Betrachtung, die zur gegenwärtig geltenden galicischen Standardsprache hinführt.

Die Fragen, die zu stellen wären, lauten folgendermaßen:

 

1. Ist das Galicische eine Sprache oder ein Dialekt? Wenn es ein Dialekt oder ein Bündel von Dialekten ist, wäre nachzufragen, ob es ein Dialekt des Portugiesischen oder des Spanischen ist.

2. Ist das Galicische eine eigene historische Sprache oder gehört es zum Portugiesischen als historischer Sprache?

3. Welches Galicisch soll der Normierung und Kodifizierung zugrunde liegen? Diese Frage ist zu stellen, wenn das Galicische als eigene historische Sprache gilt.

 

Diese Fragen müssen vor einer geschichtlichen Betrachtung des Galicischen gestellt werden, denn je nachdem, wie die Antworten auf diese Fragen ausfallen, ist die Geschichte des Galicischen zu schreiben. Man gibt in jedem Falle eine geschichtliche Begründung für eine je andere Tradition. Welche Geschichte man darstellt, hängt davon ab, welche in der Gegenwart funktionierende Sprache man für maßgeblich hält.

 

Zur ersten Frage: Ist das Galicische eine Sprache oder ein Dialekt?

 

Die Auffassung, das Galicische sei ein Dialekt, gehört im Grunde der Vergangenheit an. Sie ist dennoch von einem gewissen aktuellen Interesse, weil sie Aufschluß darüber gibt, wer diesen Standpunkt vertrat und aus welchem Grund er vertreten wurde. Allem Anschein nach haben ihn in jüngerer Zeit Sprachwissenschaftler vertreten, nicht jedoch die Galicier als Sprecher selbst. Dazu gleich mehr. Vor dem «Rexurdimento» wurde das Galicische dagegen durchaus als Dialekt des Portugiesischen (vgl. Fernández Rei 1996: 19-21) oder des Spanischen (vgl. Fernández Rei 1996: 21) angesehen. In einem ersten Überblick über alle romanischen Sprachen, dem «Mithridates» von Johann Christoph Adelung und Johann Severin Vater (1809 und 1817), erscheint das Galicische um 1800 nicht mehr als eigene Sprache, sondern es wird als «Patois» dem Spanischen zugeordnet (Jens Lüdtke 1978: 126-127). Dadurch, daß das Spanische aufgrund der politischen Verhältnisse als Standardsprache in Galicien allein herrschte und das Galicische diese Funktion aus politischen Gründen nicht übernehmen durfte, war es möglich, das Galicische von außen als Dialekt des Spanischen anzusehen. García de Diego z. B. behandelt es in seinem «Manual de dialectología española» als «el más rezagado de los dialectos españoles» («den rückständigsten unter den spanischen Dialekten», 1946: 49), eine Zuordnung, die in späteren Auflagen des Werks nüanciert, aber nicht widerrufen wird. Für die älteren Auffassungen vom Galicischen als Dialekt des Portugiesischen oder Spanischen ließen sich noch weitere Beispiele bringen.

Wenn eine Zuordnung des Galicischen als Dialekt des Portugiesischen oder des Spanischen vorgenommen wird, reicht es nicht aus, daß sie nur behauptet wird. Sie muß sich auf etwas stützen. Als maßgeblich sind in dieser wie in allen anderen sprachlichen Fragen die Sprecher anzusehen. Dabei sind letztlich nicht ihre metasprachlich geäußerten Meinungen ausschlaggebend, sondern gerade das, was sie als Sprecher tun. Für das jeweilige Sprechen des einzelnen gibt es den Unterschied zwischen Sprache und Dialekt nicht. Auch das, was in der Architektur der Sprachen als Dialekt von den Sprechern selbst angesehen wird, funktioniert für sie bei ihrem Sprechen als Sprache. Etwas anderes ist es, ob das Sprechen des einzelnen einer anderen Sprache zu- oder untergeordnet wird. In diesem Fall können die Sprecher ihre Sprache entweder als eigene historische Sprache betrachten oder aber sie einer anderen Sprache unterordnen. Diese Beziehung ist als eine Beziehung zu einer Leitsprache innerhalb einer historischen Sprache zu verstehen, wenn diese existiert (gewöhnlich ist es die Standardsprache), sie kann aber schlicht auf dem Bewußtsein beruhen, einfach eine andere Sprache zu sprechen (so im Falle des Baskischen im Unterschied zum Spanischen und des Bündnerromanischen im Unterschied zum Deutschen). Die Sprecher von galicischen Dialekten im Inneren des Landes haben heute das Bewußtsein, eine andere Sprache als Spanisch zu sprechen. Die Sprecher an der Grenze zu Portugal halten ihre Sprache nicht für Portugiesisch. Die jahrhundertelange Beeinflussung durch das Spanische führt aber auch dazu, daß die Galicier ihre heutigen Dialekte nicht als ursprünglich ansehen, sondern sie haben ein klares Bewußtsein von der sich sprachlich im Galicischen auswirkenden Dominanz des Spanischen. Interessanterweise verlegen sie das in der Vergangenheit ursprünglicher gesprochene Galicisch in die Gegenwart, aber in andere Regionen Galiciens, z. B. von den Rías Baixas nach Lugo und Ourense und natürlich umgekehrt (Fernández Rei 1990: 35-36). Nicht anders verhalten sich die Okzitanen, wenn sie einen angeblich rein gesprochenen Dialekt in eine weiter entfernte Region verlagern (oder dies früher taten).

Damit soll als aus der Sprecherperspektive vorläufig etabliert gelten (genauere Untersuchungen stehen noch aus), daß die galicischen Dialekte heute eine von den spanischen und den portugiesischen Dialekten getrennte Dialektgruppe sind nach dem Kriterium, daß sie von den Sprechern weder dem Spanischen noch dem Portugiesischen zugeordnet werden. Diese Aussage kann aber nur vorläufig gelten. Sie ist zu revidieren, wenn dieses Problem durch eine repräsentative Umfrage geklärt worden ist.

Eine ganz andere Sache sind die dialektologischen Verhältnisse. Die Dialektologen stellen fest, daß die Isoglossen sich vom galicischen Gebiet einerseits zum portugiesischen, andererseits zum asturleonesischen Dialektraum kontinuierlich fortsetzen. Das dem Galicischen und dem Portugiesischen gemeinsame Dialektgebiet kann man deshalb Galicisch-Portugiesisch (gal. «galego-portugués») nennen. Dieser Sprachenname ist eine bloß wissenschaftliche, nicht jedoch eine sprechereigene Benennung, darin solchen Ausdrücken wie «Leonesisch» oder «Franzisch» vergleichbar. Er wird meines Wissens zuerst 1809 im «Mithridates» von Adelung und Vater verwendet («Die dritte Hauptmundart [scil. des Spanischen] ist die 'Gallizisch-Portugiesische'», Jens Lüdtke 1978: 126). Wir können daher auf «Galegisch-Portugiesisch» verzichten. Der Ausdruck ist nur eine Rückübersetzung von «Galicisch-Portugiesisch». Er kann die Anerkennung der Tatsache ausdrücken, daß das Galicische und das Portugiesische - ob man diese Sprachen nun auf dialektaler Ebene oder als Standardsprachen betrachtet - enger untereinander als mit den anderen Sprachen der Iberischen Halbinsel verwandt sind. In einer seiner üblichen Verwendungen wird der Sprachenname auf die im Mittelalter in Galicien und Portugal gesprochene und geschriebene Sprache angewandt (z. B. Maia 1986). Ist «Galicisch-Portugiesisch» aber auch ein tauglicher Name für die damit zu benennende historische Sprache oder die historischen Sprachen?

 

Die zweite Frage: Ist das Galicische eine eigene historische Sprache?

 

Damit kommen wir zur zweiten Frage, ob nämlich das heutige Galicisch eine eigene historische Sprache neben dem Portugiesischen ist oder ob beide zusammen eine einzige historische Sprache ausmachen (Fernández Rei 1996: 22-24). Dies ist keine akademische Frage, denn je nach Anerkennung von einer oder von zwei historischen Sprachen ergeben sich verschiedene Präferenzen für die Normierung des Galicischen. Die Antwort war bereits in der Erörterung enthalten, ob das Galicische eine Sprache oder ein Dialekt sei. Für die Sprecher gilt heute mehrheitlich das Galicische als eigene Sprache gegenüber dem Spanischen und dem Portugiesischen. Der Name «Galicisch-Portugiesisch» suggeriert aber die Existenz einer einzigen historischen Sprache.

Argumentieren wir einmal mit der Annahme, daß Portugiesisch und Galicisch eine einzige Sprache wären. Die These von einer einzigen historischen Sprache stieße dann nicht nur auf das Problem, daß die Galicier sich in der Vergangenheit nicht am Portugiesischen orientierten, wenn man von einigen Intellektuellen absieht, denn es wurde und wird nicht als Kultursprache der Galicier in den Schulen gelehrt. Diese Funktion übernahm in der galicischen Gesellschaft immer das Spanische. Das deutlichste Anzeichen dafür ist, daß die Galicier nicht das Bewußtsein haben, ein «reines Galicisch» zu sprechen, sondern das, was «chapurrao» oder «castrapo» genannt wird, d. h. ein stark hispanisiertes Galicisch. Gleichzeitig findet das dialektale und somit eigentliche Galicisch als solches keine soziale Anerkennung.

Auch sprachgeschichtlich wäre die Entwicklungslinie von der galicischen Gemein- und Schriftsprache des Mittelalters zur heutigen Sprachsituation nicht in einer Weise über das Portugiesische zu ziehen, daß die heutigen sprachlichen Verhältnisse angemessen begründet werden würden, denn es müßte ja die galicische Sprachgeschichte als Geschichte einer auseinanderstrebenden Entwicklung begriffen werden, die zum Untergang der galicischen Schriftsprache und des Galicischen als Sprache mit Leitfunktion sowie zu seiner Ersetzung durch das Spanische geführt hätte. Auch der Neubeginn im 19. Jahrhundert wäre aus dieser Perspektive als zaghafte und immer wieder frustrierte Reintegration in eine portugiesische oder gemeinsame galicisch-portugiesische Sprachgemeinschaft zu begreifen, die in dieser Weise nie existiert hat. Daher ist «Galicisch-Portugiesisch» ein völlig untauglicher Sprachenname für die Gegenwart. Er wird charakteristischerweise nur von Sprachwissenschaftlern benutzt, die sich auf den geringen Abstand zwischen Galicisch und Portugiesisch berufen. Selbst für das Mittelalter wäre er nur dann brauchbar, wenn sich nachweisen ließe, daß die Sprecher das Bewußtsein von einer in Galicien und in Portugal gemeinsam gesprochenen Sprache hatten.

Heute sind Galicisch und Portugiesisch zwei verschiedene historische Sprachen. Diese Tatsache bringt Probleme für die Normierung und Kodifizierung mit sich.

 

Zur dritten Frage: Welches Galicisch soll der Normierung und Kodifizierung zugrunde gelegt werden?

 

Eine Antwort hierauf kann nicht ohne Bezug auf die Entwicklung des Galicischen gegeben werden. Der allgemeine Kontext der Auseinandersetzung um das Galicische, seine Corpus- und seine Statusplanung, ist Spanien als Staat. Galicien ist länger in das Königreich Kastilien und später Spanien integriert als das Königreich Navarra, das 1512 mit seinen südlich der Pyrenäen liegenden Gebieten annektiert wurde, und als die Länder der katalanisch-aragonesischen Krone, die zwar 1469/1479 durch die Katholischen Könige in Personalunion vereint wurden, in die aber das Spanische erst nach dem Spanischen Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert als Amtsprache eingeführt wurde.

Die rechtliche Basis der heutigen Entwicklung ist die spanische Verfassung von 1978. Sie allein macht den Rahmen für jede weitere sprachpolitische Entscheidung für alle in Spanien gesprochenen Sprachen aus. Ganz ohne Zweifel erfahren zwar die galicischen Intellektuellen eine Ermutigung durch die Existenz des Portugiesischen und den Rückhalt in dieser Sprache. Sie erfahren und brauchen diese Ermutigung aber in einem spanischen, nicht in einem portugiesischen Kontext. Der sprachpolitische Handlungsrahmen ist auch für sie die spanische Verfassung von 1978 und das galicische Autonomiestatut, und er wird es so lange bleiben, wie diese Verfassung und dieses Autonomiestatut gelten. Die dahin führende Geschichte ist eine ausschließlich spanische Geschichte. Weil Kastilien bzw. Spanien als Staat seit dem Mittelalter der politische Rahmen sind, in dem die Entwicklungen des Zentrums und der Peripherie in diesem Land stattgefunden haben und die Entscheidungen getroffen wurden, muß für die Normierung des Galicischen die vorausgehende gesamtspanische Entwicklung berücksichtigt werden, da diese die Voraussetzung auch der galicischen Geschichte und der Normierung der Sprache ist, wie auch die Normalisierung des Galicischen vom Spektrum der politischen Parteien Galiciens abhängt. Die Entwicklungen in den spanischen Regionen waren stets aufeinander bezogen. Es ist aber eine erstaunliche und nur im spanischen Kontext erklärliche Tatsache, daß das Galicische die Unterstützung durch das Katalanische und das Baskische brauchte. Dabei scheint doch das von rund vier Fünfteln der Bevölkerung Galiciens gesprochene Galicisch einen stärkeren demographischen Rückhalt zu haben als das Katalanische und das Baskische, denn das Katalanische wird in Katalonien von nur etwa der Hälfte der Bevölkerung gesprochen und das Baskische sogar nur von einem Drittel der Bewohner des spanischen Baskenlands. Die Gründe für den prekären Status des Galicischen sind neben der langen Zugehörigkeit Galiciens zu Kastilien bzw. Spanien - die die sprachliche und soziale Hispanisierung des galicischen Adels und die Verwendung des Spanischen in der Kirche (auch nach dem Tridentinischen Konzil) zur Folge hatte - die wirtschaftliche Unterentwicklung der Region mit ihrem immer noch hohen Anteil an Landbevölkerung und mit ihrer durch Zuzug von außerhalb der Region (Leonesen, Kastilier, Katalanen usw.) getragenen relativ schwachen Industrialisierung. Der Fall des Galicischen lehrt gerade, daß der Prozentsatz der Sprecher einer Sprache zu einem sprachpolitischen Fetisch werden kann. Nach dem Kriterium der Sprecherzahlen müßte das Galicische immer noch eine in ihrer Region gut etablierte Sprache sein.

Es war und ist es nicht. Es ist symptomatisch, daß Galicien unter den autonomen bzw. «historischen Gemeinschaften» als letzte ein Autonomiestatut vor dem Spanischen Bürgerkrieg (damals konnte es allerdings nicht mehr durch ein Referendum angenommen werden) und nach der spanischen Verfassung von 1978 erhielt. Katalonien und das Baskenland waren immer Vorreiter für die sprachpolitische Entwicklung des Galicischen. Weil dieser geschichtliche und politische Zusammenhang besteht, der von den Spaniern und somit auch den Galiciern mit Zustimmung oder mit Ablehnung stets vorausgesetzt wird, dürfen wir die Entwicklung der galicischen Standardsprache nicht isoliert von außen betrachten, sondern müssen die gesamtspanische Entwicklung mitbedenken. Mein Eindruck ist, daß die lusitanische (bzw. «reintegrationistische») Alternative vor allem deshalb von zahlreichen galicischen Intellektuellen verfolgt werden kann, weil sie den gesamtspanischen Zusammenhang ausblenden (er wird zum Beispiel nicht gebührend berücksichtigt in Carballo Calero 1981: 18-22). Es bleibt offen, wie eine allgemeine Orientierung am Portugiesischen, die eine kultur- und schulpolitische Option wäre, unter den in Galicien waltenden politischen Verhältnissen durchgesetzt werden könnte.

Die «Reintegrationisten» treten für eine lusitanisierende Orthographie ein, dabei bleibt aber das Problem der Aussprache ungeklärt. In der Tat vergrößert die «reintegrationistische» Orthographie den orthographischen Abstand zum Spanischen und verringert ihn zum Portugiesischen. Die Aussprache ist von diesem Streit um die Rechtschreibung überhaupt nicht betroffen, sie wird noch nicht einmal in diesem Zusammenhang diskutiert. Die lusitanisierende Orthographie spiegelt nicht die galicische Phonologie wieder. Sie täuscht einen geringeren lautlichen Abstand zwischen Galicisch und Portugiesisch vor, als er tatsächlich besteht.

Die Lösung des Sprachproblems durch diejenigen, die «Reintegrationisten» genannt werden, ist im Grunde abstrakt. Ihre Lösung mag so rational sein wie eine andere. Sie abstrahiert aber von der galicischen Geschichte, in der das Portugiesische nie Standardsprache oder dominante Sprache war. Wenn man in der Frage der Rechtschreibung die gefundene tragfähige Lösung von 1982 erhalten will, müßte man sich an das Machbare halten (Coseriu 1987: 135) und dürfte nicht eine von mehreren bloß rational möglichen Entscheidungen zur Grundlage der Sprachpolitik machen. Das Galicische machen seine Sprecher und Schreiber, nicht die Sprach- und Literaturwissenschaftler, auch nicht die galicischen. Vielleicht sollte man immer wieder an diese einfache Tatsache deshalb erinnern, weil die Sprecher (so auch die Galicier) sich nicht immer kohärent verhalten.

 

Bibliographischer Kommentar

 

Meine vergleichende Betrachtung der romanischen Standardsprachen geht von Heinz Kloss (1978) und der Anwendung auf die romanischen Sprachen in Zarko Muljacic (1989) aus. Einen Ansatz für eine geschichtliche und soziolinguistische Betrachtung der Entwicklung von Standardsprachen, der zum Teil in die ebenfalls über die Seiten des Romanistischen Dachverbandes zugänglichen sprachgeschichtlichen Skizzen eingeht, bietet Einar Haugen (1972). Die weitere Differenzierung von Haugens Auffassungen wird hier vernächlässigt, da es um die allgemeinsten Entwicklungen geht. Eine interessante Skizze der Geschichte von vier romanischen Standardsprachen im Vergleich gibt Christian Schmitt (1988). Die Zahl der romanischen Sprachen in der romanischen Sprachwissenschaft und die Kriterien, auf die man sich dabei gestützt hat, diskutiert Bodo Müller 1994. Eine frühere Version meiner galicischen Fallstudie wurde 1998 gedruckt.

Für die deutschsprachige Romanistik ist es naheliegend, die zur Standardisierung führenden neueren Entwicklungen in den romanischen Sprachen zu verfolgen. Da das deutsche Sprachgebiet mehrere Standardvarietäten als gesprochene und zum Teil als geschriebene Sprache kennt, ist man darauf vorbereitet, auf diese Entwicklungen nicht sofort mit zentralistischer Ablehnung zu reagieren, obwohl dieses Verhalten im deutschen Sprachgebiet häufig auch zu finden ist. Diese eigene Erfahrung und die Fortführung einer romanistischen Tradition mögen erklären, warum so viele Werke aus dem deutschen Sprachraum über die auf dem Wege einer neuen Anerkennung befindlichen Sprachen kommen und warum in der vorliegenden Einführung die Sprachen knapp dargestellt werden, die sich bisher mit größerem, aber auch mit geringerem Erfolg bemüht haben, eine Anerkennung als Standardsprache in einem Nationalstaat zu erhalten. Dazu z. B. Klaus Bochmann (1993).

Wie immer man diese neueren Standardsprachen persönlich oder wissenschaftlich einschätzen mag, sie werfen ein interessantes Licht auf die Standardsprachen der Nationalstaaten Frankreich, Spanien und Italien. Das Sardische, das Friaulische und das Ladinische sind im Kontext des Italienischen zu sehen, das Korsische, das Okzitanische und zum Teil das Katalanische sind nicht vom Französischen in Frankreich zu trennen. Die Probleme des Katalanischen, Galicischen, Asturianischen und Aragonesischen müssen im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Spanien gesehen werden. Da es nur um romanische Standardsprachen geht, werden das Deutsche in Italien, das Deutsche, das Bretonische, das Baskische und das Flämische in Frankreich sowie das Baskische in Spanien beiseite gelassen. Alle diese Sprachen spielen aber ihre Rolle für die interne Dynamik der romanischen Sprachen in den jeweiligen Staaten. Eine Sonderstellung nimmt das Bündnerromanische ein, das in der Schweiz eher im Kontakt mit dem Deutschen als mit dem Italienischen steht. Die auf romanischer Grundlage entstandenen Kreolsprachen lassen sich nicht nach den bisher genannten Gesichtspunkten betrachten; deshalb sei direkt auf den entsprechenden Abschnitt verwiesen. Man kann sich nicht ganz sicher sein, ob es nicht noch eine weitere romanische Sprache gibt, die nach dem Gesichtspunkt ihrer Standardisierung zu nennen wäre. Sie sei hier grundsätzlich mitgemeint. Dies betrifft insbesondere die Standardisierung von Kreolsprachen.

 

Bibliographie

Gedruckte Literatur

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Schlegel, Friedrich (1808): «Ueber die Sprache und Weisheit der Indier», Heidelberg: Mohr und Zimmermann (Nachdruck, zusammen mit Franz Bopp 1816, London: Routledge; Thoemmes Press, 1995; with a new Introduction by Chris Hutton).

Schmitt, Christian (1988): «Typen der Ausbildung und Durchsetzung von Nationalsprachen in der Romania», in: «Sociolinguistica» 2, S. 73-116.

 

N. B.: Mit Rücksicht auf die Besonderheiten der verschiedenen Internet-Browser wurden in vorstehendem Text sowie in der Bibliographie statt Kursivdruck Anführungszeichen verwendet, so daß auch Buch- und Zeitschriftentitel, die üblicherweise kursiv stehen, in Anführungszeichen erscheinen.

 

Internetadressen zu romanischen Sprachen

 

http://www.afrolusitanistik.de

http://www.brasilianistik.de

http://www.frankoromanistik.de

http://www.galicistik.de

http://www.hispanistica.de

http://www.hispanistik.com

http://www.italianistica.de

http://www.italianistik.de

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